Reine Kopfsache.

Ich werde dieses Jahr nicht auf der WM dabei sein. Soviel steht fest. Es ist mein eigener, ausdrücklicher Wunsch.

Aber lasst mich vielleicht dort anfangen, wo der letzte Blogeintrag aufhört:

Am 25. September finden die Vorläufe der diesjährigen Ruder-Weltmeisterschaft statt. Am selben Tag startet das Wintersemester an der University of Newcastle.

Wenige Tage, nachdem ich von meinem England-Besuch wieder da war, hatte der DRV alle Bundeskaderathleten zu einer Informationsveranstaltung zum Thema Leistungssportreform eingeladen. Die Leistungssportreform und vorolympische Zentralisierung, die in letzter Zeit hinreichend in einschlägigen Medien diskutiert worden ist, möchte ich mich an diese Stelle gar nicht thematisieren. Für mich war jedoch eines der konkreten Ergebnisse des Tages der vorläufige Saisonplan meines zuständigen Bundestrainers. Dieser sieht ab Anfang Mai bis Ende Juli vor, dass die Sportlerinnen, die in Sarassota den Zweier und Einer fahren, jedes Wochenende ab Donnerstag in Ratzeburg trainieren. Anschließend geht es dann in die insgesamt 10-wöchige unmittelbare Wettkampfvorbereitung zur WM.

Ich bin frisch verlobt, muss diesen Sommer eine Wohnung in Hamburg auflösen und eine neue in England finden, bin zu 3 Hochzeiten von mir sehr nahestehenden Menschen eingeladen und einen Job habe ich auch noch.

Man kann es also drehen und wenden wie man will, diese Saison gibt es zu viele wichtige andere Dinge in meinem Leben, als das ich dem Rudern so viel Zeit und Energie widmen kann wie notwendig wäre, um eine erfolgreiche Saison zu fahren.

Blieb mir also noch die Aufgabe den passenden Punkt zu finden um auszusteigen. Meine beste Freundin hatte definitiv Recht damit, dass man sich nicht durchs ganze Winterhalbjahr quälen und dann vor der ersten Regatta die Flinte ins Korn schmeißen sollte. Ich entschied mich also, auch um des Chancenerhalts Willen, die beiden wichtigsten Leistungsüberprüfungen, nämlich die Langstrecke Leipzig und die Deutschen Kleinbootmeisterschaften, noch mitzufahren. Rückblickend sind das mit Sicherheit zwei der lehrreichsten Regatten meines Lebens gewesen.

Ich reiste total übermüdet nach Leipzig an. Bevor ich nach der abendlichen Ruderrunde erschöpft in mein Bett fiel, nahm ich meine Kontaktlinsen raus, packte sie in den Einsatz des Behälters mit der Reinigungsflüssigkeit - und vergaß anschließend, den Einsatz in den Behälter zu stellen. Am nächsten morgen waren die Linsen komplett ausgetrocknet. Ich hatte keine Ersatz-Linsen dabei, von einer Brille ganz zu schweigen. Ich verbrachte das Wochenende also quasi im Blindflug.

Für den Ergometertest gab es dieses Jahr erstmalig für alle Bereiche eine Norm, die es zu knacken galt. Zwei Wochen nach dem Trainingslager war ich etwas aus der Übung, was das Ergo anging. Ein neuer Bestwert musste es Dank der Norm ja nicht sein und eine 7:18 schaffe ich inzwischen auch ohne absolute Tagestophöchstform. Und genau so bin ich das Rennen dann auch gefahren: Die ersten 1000m mit einer Durchlaufzeit, die bei konsequenter Beendigung des Rennens auch eine 7:16 hätte werden können, und dann wurde ich immer langsamer. Am Ende stand eine 7:17,5 (wenn ich's richtig im Kopf habe) auf dem Display. Knapp, aber ausreichend. Zufrieden war ich nicht, und das noch nichtmal wegen des Ergebnisses in Zahlen, sondern weil ich das Gefühl nicht loswurde, dass ich das eigentlich besser kann.

Abends stand ich vor dem Training auf dem Steg und mir war alles so fürchterlich egal. Nicht das entspannte, unbelastete Egal. Es war dieses Egal, bei dem die Welt an einem vorbeizuziehen scheint. Irgendwie hat Markus in der Situation noch die passenden Worte gefunden, die mich doch dazu brachten noch ins Boot zu steigen. Erstaunlicherweise machte es sogar Spaß.

Am nächsten Tag dann die Langstrecke im Blindflug. Ich fuhr konzentriert und kam ganz gut vorwärts. Irgendein seltsamer Mechanismus in meinem Kopf schien sich beim Ablegen völlig selbstständig in den Wettkampfmodus geschaltet zu haben. Das Fahren an sich machte sogar richtig Laune und ich stellte fest, dass es gar nicht mal so doof ist, nichts zu sehen - dann muss man sich schon nicht das ganze Rennen den Kopf darüber zermartern, ob die, die hinter einem fährt jetzt rankommt, oder ob man sich seinerseits absetzen kann.

Ich legte an und konnte meinen Trainer nicht finden. Und der hatte meine Jacke mit dem Spindschlüssel. Halb blind, erschöpft und völlig neben mir stehend bin ich auf dem Regattaplatz rumgeirrt. Zum Glück hat Stromi Markus dann einfach angerufen und der konnte mir dann sagen, wo ich meine Jacke finde.

Ich hätte an diesem Nachmittag gerne überall sein wollen, aber nicht auf diesem Regattaplatz. Ich hatte es tatsächlich geschafft, die drittschnellste Zeit zu fahren und dann stand ich da vor dem Treppchen und wollte mich nicht draufstellen. Alle guckten mich an und ich hätte mich am liebsten in Luft aufgelöst.

Am schlimmsten waren die Leute, die mir noch erklären wollten dass ich doch total super gerudert sei. Ich stand stumm daneben und nickte, denn wo hätte ich anfangen sollen mit erzählen?

Das Training in den folgenden drei Wochen war zutiefst unbefriedigend. Einerseits aufgrund der Rahmenbedingungen - es war kalt und windig und außerdem war mal wieder die Reiherstiegschleuse gesperrt, so dass wir für jede Rudereinheit nach Allermöhe fahren mussten. Andererseits ruderte ich so schlecht wie schon seit langem nicht mehr. Nichts gelang mir und keine der Einheiten machte auch nur ansatzweise Spaß.

Am Osterwochenende fand dann der Hamburger "Frühtest" statt - DIE Gelegenheit, vor den Kleinbootmeisterschaften nochmal das Rudern unter Wettkampfbedingungen zu üben. Ich fuhr den Vorlauf, fuhr anschließend nach Hause und schlief zwei Stunden auf dem Sofa. Auch die nächsten Tage blieb mein Boot im Trockenen. Ich war einfach nur völlig fertig. Am Dienstag und Mittwoch stieg ich dann mit etwas frischer Energie wieder für kurze Trainingseinheiten in den Einer. Es lief besser als die vorangegangenen Wochen, aber weit weg von "gut gerudert." Ich war froh, wenn ich nach dem Training nach Hause fahren durfte.

Am Donnerstag ging es dann prompt erstmal damit los, dass wir zwar Boot und Skulls auf das Autodach luden, meine Ausleger aber in Allermöhe liegen ließen. Was ein Glück, dass andere erst später anreisten und sie noch für mich einpackten (Danke, Nils!).

Zum Vorlauf am Freitag hatte ich Glück im Unglück - nach einigen Abmeldungen wurden die Vorläufe nochmal umgesetzt, so dass ich nicht die Gegnerinnenkonstellation abbekam, die anschließend eines der härtesten Firtelfinals abgab. Ich fuhr relativ souverän vorneweg - vom Abstand her - ruderisch war es irgendwie noch nicht das Wahre… Ich hätte nicht gewusst, wie ich einen Spurt hätte fahren sollen aus diesem Streckenschlag heraus.

Das Viertelfinale am Samstag ging meinerseits mit einem leicht verschlafenen Start los, so dass ich mich erst bei Streckenhälfte an meiner Kontrahentin aus Limburg vorbeiarbeiten konnte. Im ersten Streckenviertel hatte ich das Gefühl, gar nicht mit dem Kopf im Boot zu sein. Es war, als würde ich mir das Rennen von außen angucken. Es war letztlich dann ein Arbeitssieg, der mir aber immerhin die schnellste Viertelfinalzeit bescherte.

Auch im Halbfinale, das von der Ansetzung her hart, aber machbar war, kam ich am Start einfach nicht richtig in die Puschen, so dass meine Kontrahentinnen mir mal eben locker ein paar Längen davonfuhren. Viel zu spät realisierte ich, dass ich wirklich Gummi geben musste, um noch ins Finale zu fahren. Mit etwas über einer Sekunde Rückstand auf die Drittplatzierte Schweizerin Ladina Maier musste ich somit Vorlieb mit dem Finale B nehmen. Mein Gott, wie peinlich mir das war! Das letzte Mal war ich 2012 im B-Finale. So hatte ich mir das definitiv nicht vorgestellt. Das Schlimmste war aber definitiv, dass ich aus dem Boot gestiegen bin und überhaupt nicht wusste, ob ich jetzt eigentlich gut oder schlecht gerudert bin oder wo es jetzt genau geklemmt hatte.

Immerhin gab mir das völlig verpatzte Halbfinale nochmal Motivation, im Finale B nochmal richtig Leistung zu zeigen. Die wohlwollende Anerkennung (nebst ehrlichem Bedauern) meines Rückziehers für die Saison seitens des DRV machte mir die Sache mit Sicherheit auch um einiges leichter.

Letztlich gelang es mir dann auch, deutlich vorneweg zu fahren und anschließend eine Zeit auf dem Ergebnis zu lesen, die mich für viele auf dem Platz zur "inoffiziellen Dritten" machte. Letzten Endes fährt man aber meiner Meining nach keine komplettes Qualifikationssystem aus, um anschließend Zeiten zu vergleichen.

Auf jeden Fall haben die beiden Regatten eindrucksvoll bewiesen, dass Rudern trotz aller physischen Voraussetzungen die man so mitbringen muss vor Allem eines ist: Kopfsache!

PS: War letzte Woche zweimal Rudern. Hat Spaß gemacht.

Auf zu neuen Ufern!



English text below

Mein Kollege und ich kommen auf dem Weg zur Kantine an einem Plakat vorbei, dass einem Mitarbeiter zur 50-jährigen Betriebszugehörigkeit gratuliert.
Er: "Das wird von uns wohl keiner schaffen."
Ich: "Also wenn ich bei Airbus bleibe bis ich 68 bin, dann habe ich 49 Jahre."
Er: "Oh Gott, Judith, du musst weg von hier!"

Es begann vor etwa einem Jahr mit einer diffusen Unzufriedenheit. Es ist nicht wirklich so, dass ich meinen Job nicht mag oder dass ich tatsächlich Angst davor hätte, irgendwann mein 50-jähriges Airbus-Jubiläum zu erleben. Es ist mehr dieses Gefühl, dass das noch nicht alles gewesen sein kann, gepaart mit dem Bewusstsein, dass ich alles gegeben habe , was in meiner beruflichen Situation möglich war, und es trotzdem nicht nach Rio geschafft habe.
Ich liebe es, Neues zu lernen. Je komplizierter, desto besser. Aus losem rumgoogeln mit der groben Vorstellung "was mit Statistik" ist im Laufe der Zeit dann "Applied Process Control MSc" an der Newcastle University geworden. Viel Regelungstechnik, eine bisschen Statistik, 3 Trimester ab September 2017. Und eine der besten englischen Uni-Rudermannschaften.
Es klang alles so gut, dass ich tatsächlich mal auf einen Plan B verzichtet habe und nur eine einzige Bewerbung geschrieben habe. Vier Wochen später hatte ich die Zusage.

Und doch blieben noch einige Zweifel, ob das wirklich die richtige Wahl ist, oder ob ich mich habe blenden lassen. Ob ich das Studium mit meinem Bachelor wirklich machen kann?
Nur zu gerne bin ich daher der Einladung von Newcastles Frauen-Rudertrainer Alex Leigh gefolgt, mir Newcastle, die Uni und den Ruderclub einmal vor Ort anzuschauen.

Mein erster Gedanke im Landeanflug: oh mein Gott, die Autos fahren ja wirklich auf der anderen Straßenseite! Auch die nächsten Tage haben einige spannende Neuerungen für mich parat: Ich kämpfe mit den englischen Münzen und den self-checkout Kassen im Supermarkt. Ich versuche zu ergründen, wann man am besten über die Straße läuft (mit den Ampelphasen hat das definitiv nichts zu tun) und nach welchen Regeln ein Netball-Match abläuft. Ich entdecke Scones und Kakao mit Marshmallows für mich. Und lerne viele tolle Menschen kennen, allen voran Charlotte, Steuerfrau und Teamcaptain, und ihre verrückte WG mit sieben Mitbewohnern und einem Dackel. Alle super nett. Das schöne daran, zu siebt zu wohnen, so stelle ich bald fest, ist dass jeder an einem Abend in der Woche mit kochen dran ist, so dass es immer leckeres "House Dinner" gibt, zusammen mit allen Mitbewohnern und diversen Freunden, die spontan reinschneien.

Meinen Besuch habe ich so geplant, dass ich am "Postgraduate Open Day" der Newcastle University teilnehmen dran. Einen Nachmittag lang bin ich also damit beschäftigt, unendlich viele Informationen zu tanken, bis mir fast der Kopf platzt. Ich habe die Gelegenheit, im "Student's Café" mit eine Bulgarischen Studentin zu reden, die schon in Berlin studiert hat und mir ausführlich erklären kann, wo die Unterschiede zwischen deutschen und britischen Unis liegen. Die "Subject Session", die ich gebucht hatte, stellt sich als privates Gespräch mit dem leitenden Professor des Studiengangs heraus, den ich dann eine halbe Stunde lang ausführlich mit Fragen löchern kann, bis ich weiß, wie ich mich fachlich ein bisschen auf die Zeit vorbereiten kann. Auf einer Guided Tour lerne ich den Campus kennen und in einem Gespräch mit dem Postgraduate Admissions Team finde ich endlich heraus, was das Problem mit der Übersetzung meiner Bachelorurkunde ist.

Selbstverständlich verbringe ich auch viel Zeit mir Charlotte, Alex und den anderen Ruderern. Am Mittwoch ist erstmal Krafttraining dran, Donnerstag und Freitag geht es raus auf den Tyne - morgens um 6 bei nachtschwarzer Dunkelheit. Das Einsteigen ins Boot geht hier auch auf die britisch-rudimentäre Art und Weise - ohne Steg und in Gummistiefeln, so wie man das auch vom Boat Race kennt. Die Mädels sind tierisch nervös, mit mir ins Boot zu steigen. Und das obwohl sie eigentlich alle ganz passabel rudern können. Dafür haben sie mir versehentlich erstmal ein Skull mit losem Griff gegeben, so dass ich irgendwann leider einen Krebs fange und anschließend nur noch mit stehendem Blatt rudere, bis Charlotte und Alex mir ein neues paar Skulls holen fahren. Das Training nach Newcasteler Art, so lerne ich in der Praxis und bei einem ausgedehnten Spaziergang mit Alex durch die Stadt, läuft ein bisschen anders als gewohnt: anstatt ausgedehnter Grundlagenausdauereinheiten werden hier eher kurze und intensive Einheiten, oft im Sparringmodus, absolviert.
Im Bootshaus staune ich über sage und schreibe acht Achter und keine einziges Gigboot.

Nach drei bunten und ereignisreichen Tagen steht für mich auf jeden Fall fest: meine Entscheidung für Newcastle war auf jeden Fall die richtige.

Four very British days

My colleague and me are on our way to the canteen and pass by a poster which congratulates to a colleague for being with Airbus for 50 years. 
He: "None of us will ever achieve this." 
Me: "If I'm staying here until I'm 68, I will at least have 49 years. 
He: "Judith, you must go away from here!"

It all started about a year ago with a diffusely disappointed feeling around my stomach. It's not exatly that I do not like my job. But I have always enjoyed learning something new. The more complex, the better. And after three years doing the same job I felt like going for something new. Moreover, I was aware that I had done everything that I possibly could in my current situation to make it to the Rio Olympics, and that there was still a considerable gap between me and the real world-class athletes.

So I started to google and over time, I came from "something with statistics" to Applied Process Control at Newcastle University. A lot of control technicqwue, some statistics, 3 terms startig from Spetember 2017. And a high performance university rowing club along with it.
I did all sound so good that I did discard all potential plan B's and wrote exactly one application. Thanks that, and Paco's masterpiece of a recommendation letter, I was offered a place to study a couple of weeks after.

Still, some doubts remained - was that really all as good as it sounded. And would I really be able to do such a demanding master programme with my material engineering bachelor and having been out of learning for over 3 years.

Fortunately, Alex Leigh, the womens' coach, invited me to come around for a couple of days and get to know Newcastle University and the rowing facilities.

My first thought at the aircrafts' landing approach: Oh my god, the cars are really driving on the other side of the road! The following three days had some more very british moments for me: Struggling with the English coins and the self-checkout cash desks at the supermarket. Me trying to understand the Netball rules by watchin a game and trying to figure out when people are crossing the street (there is definitely no link to the color of the traffic lights). I discover Scones and hot chocolate with marshmallows. And I get to know a lot of friendly and awesome people, amongst them Charlotte, the womens' cox and team manager with her mad house of seven students and one dog. 


I have scheduled my visit for this week to be able to visit the Postgraduate Open Day at Newcastle University. This keeps me busy collecting as much information as possible throughout half a day until my head feels like it is about to explode. I have the opportunity to get introduced to the differences between German and English universities by a Bulgarian student. The "subject session" that I booked beforehand turns out to be a face to face with the professor responsible for the course that I'm applying for. I get to know the campus on a guided tour and get explained what the postgraduate admissions team needs to make my conditional offer unconditional.

I do of course spend a lot of time with Charlotte, Alex and all the other rowers from Newcastle University Boat club. After weightlifting on Wednesday (Thank you, Alex, I had sore muscles until Saturday :-P), I'm able to go out for rowing on river Tyne on Thursday and Friday morning - at half past six and in complete darkness. Entering the boat is performed in the british-rudimentary style everybode knows from The Boat Race: in wellies and without pontoon. The girls are a little nervous about rowing together with me despite all of them are fairly good rowers. The only thing I could critizise is that they could have given me sculls with well fxed handles.

Training in Newcastle that's what I am told and what I experience on the water is fairly different from what I'm used to: less mileage, more sparring. In the boat house, I am astonished about seeing eight eights and not one single gig boat.

After three amazing days, I'm absolutely sure that going to Newcastle is a good decision.

Judith trainiert... lang Laufen

Sonnenuntergang auf dem Schauinsland


Man mag es kaum glauben - unsere tapfere Heldin des Alltags hat es doch tatsächlich geschafft mal ganze drei Tage URLAUB zu buchen. War auch an der Zeit... nach der Langstrecke lag ich erstmal ein paar Tage flach, die verbleibenden Adventswochenenden waren gut gefüllt mit Training in Ratzeburg und Zweierfahren mit Fini und auf der Arbeit ist im Dezember ja sowieso immer die Hölle los.

Wie sieht das also aus, wenn Judith Urlaub macht? Ich wollte zum Langlaufen in den Schwarzwald fahren. Frische Luft, so viel Bewegung, dass auch mein Trainer nicht meckern kann und ein knuddeliges Familienhotel mit leckerem Essen und eigenem Spa... Soweit der Plan. Leider spielt da er heilige Petrus aber nicht mit: es ist zwar schön kalt, Schnee liegt aber überhaupt keiner. So lasse ich schweren Herzens die Ski bei meinen Eltern stehen und beschließe, das Beste aus der Situation zu machen und einfach wandern zu gehen. Das kann man ja schließlich bei jedem Wetter.


Am ersten Abend treffe ich auch gleich meine Freundin Anna aus Hamburg wieder - als gebürtige Schwarzwälderin kennt sie hier jede schöne Ecke und entführt mich erstmal zum Sonnenuntergang gucken auf den Schauinsland. Wahnsinnig schön... wir können bis in die Alpen gucken.

Nachdem ich am nächsten morgen um 7 aus dem Bett gefallen bin, mache ich mich schon um kurz nach acht auf zur Talumrundung und kann beobachten, wie die Sonne sich Stück für Stück über die Bergspitzen schiebt. Von Muggenbrunn geht's zum Wiedener Eck und zur Knöpflesbrunnenalm. Auf dem Rückweg mache ich noch einen kurzen Abstecher zum Aussichtspunkt und kann nochmal ein bisschen Alpen gucken.

Nach 5 Stunden komme ich wieder am Hotel an und stelle fest: Wandern ist doch irgendwie anstrengend... mir tun (im schwäbischsten Sinne des Wortes) ganz schön die Füße weh! Zum Glück habe ich ein weiches Bett nach dem ich nach einer Runde Entspannungsyoga und dem unglaublich leckeren 4-Gänge-Abendessen fallen kann. Morgen ist dann der Feldberg dran...

Die große Testbatterie

Winteranfang ist Testzeit. Den ersten Test, die berühmt-berüchtgte KLD, habe ich mit einem gekonnt geplanten Trainingswochenende mit Fini in Brandenburg gerade so noch umschifft, dafür legen wir in der letzten Novemberwoche einen richtigen Analyse-Marathon hin.

Los geht es am Samstag in Ratzeburg: Hier steht Messboot auf dem Programm.
Anders als alle anderen Tests in den folgenden Tagen findet das aber nicht auf Aufforderung des Verbandes statt, sondern aus Eigeninitiative meines Trainers. Der will nämlich überprüfen, ob ich, seit ich im Sommer ein bisschen Viererfahren war, tatsächlich so geil rudern kann, oder ob er doch einen Knick in der Optik hat ;-)
Spaß beiseite: Wie schon bei meiner letzten Messboot-Session vor drei Jahren erklärt, handelt es sich bei dem Messboot nicht um einen ganz besonderen Kahn, sondern um alle mögliche Sensorik, die Messtechniker Mark in stundenlanger Bastelarbeit liebevoll in mein Boot geklebt hat. Die misst jetzt im Wesentlichen wie viel Kraft ich in Abhängigkeit des Winkels an der Dolle ans Blatt bekomme, und wie die Bootsgeschwindigkeit darauf reagiert. Mark und Markus fahren im Motorboot nebenher und können sich die Kurven live auf dem Laptop angucken. Ich bekomme sie später in der Auswertung präsentiert.
Fazit: Im Vorder- und Mittelzug operiere ich auf dem guten Niveau, das Markus meint, mit dem bloßen Auge erkannt zu haben, am Endzug muss ich aber noch arbeiten.

4 Tage später, gleicher Ort, anderes Testformat: Stufentest.
Nachdem mich mein Kollege Stefan ausführlich zu dem Thema interviewt hat und ich mich deswegen auch selbst ein bisschen aufschlauen musste, kann ich euch jetzt auch berichten, was da gemessen wird:
Und zwar fährt man im Stufentest, wie der Name schon andeutet, mehrere 4-minütige Stufen bei einer vorgegebenen Leistung. In den jeweils 30 Sekunden zwischen den Tests wird am Ohrläppchen ein bisschen Blut abgezapft und die darin enthaltene Laktatkonzentration gemessen. Über eine entsprechende Interpolation kann man dann ermitteln, wo beim jeweiligen Athleten die aerobe und die aerob-anaerobe-Schwelle liegt.
Die aerobe Schwelle bei einer Laktatkonzentration von ca. 2mmol/l bezeichnet den Leistungsbereich, in dem der Körper erstmals zusätzlich zum aeroben Stoffwechsel auch noch einen gewissen anaeroben Anteil "zuschaltet". Ab der aerob-anaeroben Schwelle bei 4mmol/l ist der anaerobe Anteil der Energiebereitstellung so hoch, dass der Körper das Laktat, welches als Nebenprodukt des anaeroben Stoffwechsels anfällt, nicht mehr so schnell abbauen kann, wie es nachgebildet wird. Die Muskulatur fängt in folge dessen an zu übersäuern und kann die Leistung deshalb nicht dauerhaft durchhalten.
Die beiden Schwellen werden einerseits als Messwert für die Fitness des Sportlers genutzt - je höher die Schwellen, desto besser die Ausdauer - andererseits dienen sie auch der Trainingssteuerung. Extensives Ausdauertraining zum Beispiel sollte immer unterhalb der 2mmol-Schwelle stattfinden.
Meiner Fitness scheint es schon mal gut zu gehen - zumindest ist meine 4mmol-Schwelle dort, wo sie auch während der letzten paar Tests lag, und die P2-Schwelle hat sich nochmal etwas nach oben hin verbessert.

3 Tage darauf: gleiches Gerät, anderer Ort, andere Aufgabe: 2000m Ergometertest in Dortmund. Meine absolute Hass-Disziplin. Als Top-Leichtgewicht sollte man unter 7:10min fahren. Mein persönlicher Bestwert liegt bei 7:15,3. Mit meiner Leistung liege ich bei den meisten Verbandstests im oberen Mittelfeld - U23 eingeschlossen.
Ich habe natürlich die ganze vergangene Woche ziemlich viel Ergofahren geübt. Läuft soweit ganz gut, zumindest über kürzere Strecken. Länger als ein paar Minuten bin ich auf den höheren Frequenzen aber nie gefahren. Mir steckt die lange Autofahrt noch in den Knochen, mein linkes Bein fühlt sich beim Warmfahren ein bisschen fest an. Andererseits gibt es wohl nie den Tag, an dem man sich vor dem Test in absolut unübertroffener Topform fühlt. Schon allein deswegen, weil man aufgrund der Nervosität jedes kleine Zwicken in Körper und jede nicht ganz so perfekte Bewegung viel intensiver wahrnimmt und interpretiert als an einem normalen Trainingstag.
In der Rennbesprechung waren wir uns uneinig: Markus meinte, ich soll mal so eine 7:18 anpeilen. Mir schwebte eher eine 7:16 vor. (Klingt wahrscheinlich jetzt erstmal wenig für euch... Um euch einen Anhaltswert zu geben: in den letzten 5 Jahren habe ich mich pro Jahr auf dem Ergo um ca. 2 Sekunden verbessert.) 
Also los: dieses Jahr habe ich leider nicht die Seite des Ergoraums mit Aussicht über den Kanal erwischt, sondern die mit Blick auf die Wand. Ist aber auch egal, nach den ersten paar Schlägen verengt sich die Wahrnehmung sowieso zunehmend. Dann ist da nur noch das Display, der Rhythmus des Schlages und das Brüllen meines Trainers. Ich konzentriere mich darauf, es "laufen zu lassen" und mich nicht aus dem Rhythmus bringen zu lassen. Mein Display zeigt fast durchgängig den selben Wert: 1:49min/ 500m. Ich bin gut unterwegs. Dank Start- und Endspurt steht am Ende eine neue persönliche Bestzeit: 7:14,8. Neben mir fällt Katrin vom Ergo, auch ich brauche eine ganze Weile, bis ich wieder aufstehen und zur Laktatabnahme laufen kann. Da sitzen wir dann zu acht im Stuhlkreis, knapp 10 Minuten lang und sind noch hauptsächlich mit Atmen beschäftigt.

Während ich mich warmgemacht habe, hat Markus meine neuen Skulls mit den Süderelbe-Farben beklebt. Um zu testen, ob es hält und um mich wieder ans Rudern im Boot zu gewöhnen, drehe ich Nachmittags noch eine lockere Runde im Einer.

Am Sonntag heißt es dann: Showdown. 6000m im Einer. 
Anders als viele andere Ruderer freue ich mich immer auf diesen Test. Langstrecke liegt mir mehr als die üblichen 2000m und ich genieße es, dass man aufgrund der Streckenlänge nicht die ganze Zeit auf Anschlag fahren kann, sondern dafür sorgen muss, das Boot mit wenig Aufwand schnell voran zu bringen.
Weil Anja Noske dieses Wochenende krank ist und unsere beiden Olympionikinnen von der Langstrecke freigestellt sind, darf ich als Erste fahren. Katrin folgt mit 45 Sekunden Abstand, dahinter kommt Österreichs Einerfahrerin Leonie Pless. Mein Ziel: schneller sein als Katrin und mindestens genauso schnell wie Leonie. Mein Start ist noch etwas holprig, aber ich finde immer besser ins Rennen und kann relativ mühelos (natürlich ist es anstrengend) meine Frequenz bei 32 Schlägen pro Minute halten. Hinter mir sehe ich, wie Leonie auf Katrin aufläuft, kann aber schlecht abschätzen, ob ich meinen Vorsprung ausgebaut habe oder nicht. Nach knapp 24:44 Minuten "erlöst" mich die Zielhupe. Ich paddle langsam weiter und warte, bis auch Katrin und Leonie durchs Ziel kommen. Der Kommentator bestätigt, was Markus schon vermutet hat: Ich war schneller! Auch die folgenden Boote können meine Zielzeit nicht toppen, so dass ich zum ersten Mal in meinem Leben die Langstrecke gewinne. Freut mich unwahrscheinlich. Noch mehr freut mich, dass wir wohl doch kein Messboot gebraucht hätten: Jeder Trainer, dem ich nach dem Rennen begegne, sagt mir das gleiche: "Sah verdammt gut aus, was du da machst."

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